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Freitag, 4. April 2014

Kajalstifte und flotte Autos

Der örtliche Volvo-Händler in Glinde macht offenbar gute Geschäfte mit bestimmten Firmen, denn für so manchen Mitarbeiter gibt es einen Hol- und Bringservice, wenn die Schweden-Autos mal zur Inspektion oder zur Reparatur müssen. Für diesen Service engagiert "Auto Nova", Vertragshändler von Volvo in Glinde, Taxifahrer, die den Werkstattwagen zum Kunden bringen und dessen Auto holen.

Vor einigen Tagen hatte ich zum ersten Mal das Vergnügen, gleich eine ganze Modellpalette der Schweden durch Hamburg zu fahren.

Auftrag 1: "H & M" in der Spitaler Straße. Dort ist offensichtlich die Hauptverwaltung der Modekette und einige der hochrangigen Mitarbeiter fahren eben Volvo.
Ich übernahm bei "Auto Nova" einen C30, fuhr ins City-Parkhaus in der Rosenstraße und schrieb mir Stellplatz und Parkdeck auf. So wurde es mir vorher erklärt. Zu "H&M" sind es über den Getrudenkirchhof nur gut 150 Meter. Ich klingelte und gelangte in den Hausflur der Hausnummer 39 mit seinen Fahrstühlen. "H&M" residierte in der 6. Etage. Der Aufzug kam, die Tür öffnete und heraus kam ein gut gekleideter junger Mann mit modischem Haarschnitt ein ein wenig zu weichen Bewegungen und Augenaufschlag... Na? Wo war ich hier gelandet?

Im 6. Stock saßen hinter dem Empfangstresen eine junge Frau und ein nicht mehr ganz so junger Mann mit sehr wenigen Haaren. Sein Augenaufschlag ähnelte dem des Jungen bei den Fahrstühlen... Mir wurde langsam warm.
Ich übergab Schlüssel und Parkkarte des Werkstattautos und erhielt den Schlüssel des abzuholenden Wagens. Ein XC60. Hmmm. Klang flott. Ich freute mich auf die Rückfahrt.
Aber was, zum Teufel, war mit dem Gesicht des "Empfangschef" los? Dann fiel es mir auf: er war GESCHMINKT! Die Wimpern getuscht und oberhalb der Augen waren zweifelsohne Lidstriche zu sehen! Brrr.. Mir wurde es zu eng hier. Das war nicht meine Welt.

Im Parkhaus fand ich schnell den XC60, schloß auf und suchte nach der Parkkarte. Nachdem der Eigentümer ganz offensichtlich ein Dauerparker war, musste es so etwas doch hier im Auto geben. Oder wie kam er sonst hinaus? Dann fiel es mir wie Schuppen aus den Haaren: ich brauchte die Parkkarte, mit der ich den Werkstattwagen geparkt hatte, um mit DIESEM Auto wieder heraus zu kommen! Denn die Dauerparker-Karte hatte der Kunde - natürlich - immer bei sich und nicht im Auto liegen... Wie naiv war ich denn gewesen??
Also nochmals zurück zu den Kajalstift-Jungs, die Parkkarte wiedergeholt und dann ging´s endlich Richtung Autohaus. Wenn auch mein Blick zuerst einmal - schon wieder - eine Warnung der Bordelektronik entdeckten:


Ich beschloß, das zu ignorieren. Nach Glinde waren es gut 20 km, das sollte also reichen. Um den Sprit sollten sich die Jungs von "Auto Nova" kümmern.

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Auftrag 2: Rungedamm, Hamburg-Moorfleet

Kaum saß ich wieder in meinem Taxi, rief die Kollegin aus der Zentrale an. Es gäbe einen weiteren Auftrag der Autofirma. Da ich schon mal oder noch vor der Tür stand, ging ich wieder hinein und übernahm erneut einen C30, um diesen - wie schon zuvor - dem Kunden zu bringen. Dieses Mal war es ein besonders "unauffälliges" Exemplar:


Scheußlich.

Das "H&M"-Auslieferungswerk in HH-Moorfleet fand ich problemlos und parkte den Wagen auf einem großen Parkplatz. Ein Drehkreuz versperrte mir zunächst den Eingang zum Werksgelände, aber der Empfang öffnete auf mein Klingeln. Gut 200 Meter Fußweg zum Haupteingang, dann stand ich in einer sehr repräsentativen Empfangshalle. Die Dame am Tresen wusste Bescheid, gab mir den Schlüssel des Kundenautos und wünschte mir eine gute Fahrt. Ähh.. Moment mal!

  • "Wo steht denn das Auto?" wollte ich wissen
  • "Auf dem Parkplatz."

  • "Danke, aber der ist riesig! Dort parken sicher gut 500 Autos!"
  • "Tja, äh, tut mir leid, aber ich habe keine Informationen."
Zumindest hatte ich das Modell: ein XC70. So viele standen dort wohl nicht. Trotzdem.. Das war reichlich unprofessionell. Als ich am Drehkreuz ankam, dachte ich, meinen Augen nicht trauen zu können: 


Münzen? Die Dame am Empfang hatte vergessen, mir eine Münze zum Verlassen des Geländes mitzugeben...--((. Ich stapfte zurück, drückte die Drehtür auf, ging auf sie zu und sah, wie sie innerhalb einer Sekunde völlig den Gesichtsausdruck änderte:
  • "Hallo! Kann ich noch etwas für Sie... Ach Gott, nein, ich habe die Münze vergessen!"
Langsam war ich so genervt, daß ich kein Wort sagte, sondern nur die Münze nahm und verschwand. Ich fand das Auto - nach knapp 10 Minuten. In der LETZTEN Reihe. 

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Aprilscherz?

Es war der 1.April, morgens um 4.50 Uhr. Ich übernahm das Auto, welches sonst immer unser Chef fährt. Daher ging ich davon aus, daß alles in Ordnung sein müsse und gab meine Abholadresse ins Navi ein. Auch wenn Glinde nicht groß ist, aber um alle Straßen zu kennen, braucht man etwas mehr als 3 Wochen...

Der Sitz war eingestellt, die Spiegel auch und das Navi zeigte mir den Weg zum Ziel - es konnte los gehen. Motor an und... was war das? Ich las nur im Display: "Bitte tanken! Reichweite 15 km.". Das Blut kochte in meinen Adern - vor Wut! Es gibt 2 Dinge, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann, wenn ich mein Auto morgens übernehme: Dreck im und am Auto und ein leerer Tank!
Vorrangig musste ich mich nun erst einmal um den Sprit kümmern. Meinem Ärger Luft machen konnte ich später auch noch. Ich blickte nach links hinüber auf die nur 100 Meter entfernte Tankstelle, aber dort war noch alles dunkel. Sie machten wohl erst um 5.00 Uhr auf.
Also musste ich auf dem Weg zum Flughafen die nächste geöffnete Tankstelle anfahren und mit Kunden im Auto tanken. So etwas ist peinlich und macht überhaupt keinen guten Eindruck.

Die Kunden stiegen ein und waren zum Glück guter Laune und hatten keine Eile. Sie hatten bereits am Vorabend ihr Gepäck am Flughafen eingecheckt und brauchten erst gegen 6.15 Uhr wieder dort sein. Im benachbarten Oststeinbek, direkt an der Hamburger Stadtgrenze, hatte eine ARAL schon offen. Der Spritpreis störte mich überhaupt nicht. Mein Chef war selbst Schuld, er brauchte sich darüber nicht aufregen. Damit es trotzdem schnell ging, auch wenn die Kunden Zeit hatten, tankte ich er nur für 10,- €, das reichte allemal für den Weg zum Flughafen. Dort wollte ich dann anschließend voll tanken. Erst mal die Kunden absetzen, alles andere war zweitrangig.
Was mir aber sofort nach der ARAL auffiel war, daß die Tankanzeige sich nicht geändert hatte. SO wenig Sprit war doch für 10,- € auch nicht hinein geflossen, daß die Elektronik GAR nicht reagierte?!

Auch durch den Zwischenstopp änderte sich die Laune der Fahrgäste nicht und so verließ ich den Flughafen nach gut 25 Minuten schon wieder und steuerte die Shell in der Alsterkrugchaussee an. Sprit für´s Auto und Kaffee mit Apfeltasche für den Fahrer..--)).

Gesagt, getan, der Diesel war im Tank und der Kaffee floß in den Magen. Aber was machte meine Tankanzeige?


(Dem Aufmerksamen wird die Zeit aufgefallen sein. Das Bild wurde gut 2 Stunden später gemacht..-)).

So langsam dämmerte mir dann doch, daß hier kein Aprilscherz meines Chefs vorlag, sondern nur eine defekte Tankanzeige, bzw. Elektronik.
Hätte er nicht zumindest einen Zettel ins Auto legen können? Zwei Worte hätten verhindert, daß ich nervös auf die Tanknadel blickend mit Kunden durch Hamburg gefahren wäre: "Tankanzeige defekt!"

Als ich ihn am Nachmittag darauf ansprach, versicherte er mir glaubhaft, genau darum die Kollegin der Nachtschicht gebeten zu haben... Das Gegenteil kann ich ihm nicht beweisen.

Freitag, 21. März 2014

Flatrate im Rotlichtmilieu

Der Tag begann wenig vielversprechend. Gut 1 Stunde musste ich am Taxistand warten, bis nebenan der Bäcker öffnete und ich mir zumindest einen Kaffee und ein Franzbrötchen holen konnte...
Die Verkäuferin sah mit vorwurfsvollem Blick auf die Uhr (5.57 Uhr), als ich nach Essen und Trinken verlangte, aber das war mir Wurst.

Danach kam auch das Geschäft langsam in Fahrt. Ganz langsam. Ein paar Dialyse-Fahrten, Omi´s mit vollen Einkaufstaschen, usw.
Es war schon 16 Uhr und die letzte Arbeitsstunde des Tages war eingeläutet. Die Zentrale rief den Stand, der Stand war nicht besetzt, also gab sie den Auftrag frei - ich meldete mich dafür. Bei der angegebenen Adresse wartete ein junge Frau (Anfang 30, vorderasiatischer Typ, schlank, eher klein) auf mich und stieg ein.

  • "In den Albert-Schweitzer-Ring, HH-Rahlstedt, bitte.!"
Albert-Schweitzer-Ring? Die Straße kam mir bekannt vor. Klar! Dort hatte ich vor Kurzem ein Vorstellungsgespräch! Die Bewerbung hatte ich dann zurück gezogen. Nicht wegen der Adresse, sondern wegen der Firma..--)). 
  • "Die Straße kenne ich."
  • "Ja? Ok, dann bitte zum Puff dort.."
  • "Da ist ein Puff?"
  • "Ja und ich arbeite dort..."
Ahaaa...--))
  • "..als Barfrau."
Ach sooo..--((

Nachdem sie mit ihrer Kollegin, die dort schon auf sie wartete, ausführlich telefoniert hatte, kamen wir beide dann auch ins Gespräch. Klar, das Thema war zu interessant, als daß ich es ignorieren konnte. 
  • "Zahlt Ihr Club denn Provision an Taxifahrer?"
  • "Nein, das machen nur andere. Wir nicht."
Wer´s glaubt..
  • "Wieviel Eintritt verlangen Sie denn?"
  • "Keinen Eintritt. Unsere Kunden zahlen nur für Getränke und die Mädchen. Die Preise sind bei uns völlig im normalen Bereich."
Wollte sie testen, ob ich wüsste, was "Mädchen" pro Stunde kosten?
  • "Sorry, da muß ich passen. Ich habe von "normalen" Preisen keine Ahnung."
Nach diesem Satz kam ich mir endgültig weltfremd vor. Dabei hatte ich zu meiner Zeit in München viel Erfahrung mit Nachtclubs gemacht. Beruflich natürlich. Aber die Preise?? Nein, danach hatte ich nie gefragt. 
  • "Na ja, 40,- € für eine halbe Stunde und 75,- € für die ganze Stunde auf dem Zimmer."
Plus Getränke wahrscheinlich. Meine Barfrau kam langsam auf Touren.
  • "Es gibt allerdings auch eine Flatrate."
  • "Flatrate??"
  • "Ja. Die beträgt 130,- € für den ganzen Tag und der Kunde kann 4 mal 30 Minuten mit einem Mädchen - oder mit 4 verschiedenen - auf´s Zimmer gehen."
Wow. Nicht schlecht!
  • "Das kann er über den ganzen Tag verteilen und sich zwischendurch an der Bar entspannen."
Ach - ich dachte, das auf den Zimmern WÄRE die Entspannung?! Ich bin wohl doch naiv. Nun hatte ich aber auch noch eine Frage.
  • "Und Sie als Barfrau sind von diesen....Aktivitäten auf den Zimmern ausgenommen?"
  • "Eigentlich schon. Nur wenn Stammkunden von Früher zu uns kommen, mache ich auch schon mal eine Ausnahme. Früher habe ich das während meiner Ausbildung als Nebenjob gemacht. Daher kenne ich noch einige Kunden."
Wir hatten unser Ziel erreicht: eine schäbige Beton-Halle in einem ebenso schäbigen Gewerbegebiet. An der Straße war kein Hinweis auf den "Club" zu sehen. Erst als ich am Gebäude entlang fuhr, entdeckte ich eine Leuchtreklame und - einen Eingang!


Sehr vertrauenserweckend!
  • "Nein, nein, das nur der Seiteneingang für Kunden, die nicht gesehen werden wollen.. Fahren Sie bitte noch ein Stück!"
Ich umkurvte die nächste Ecke und fand einen 2. Eingang, an dem ein unauffälliges Metallschild auf eine "Wandsbeker Autoreparaturwerkstatt" hinwies. Eine Briefkastenfirma? Nun ja, parallelen zum Arbeitsplatz meiner Kundin fand man auch in Autowerkstätten: Werkzeuge, Hebebühnen, Bohrer, usw..

Sie zahlte und verschwand im Haus. Nun hatte ich Zeit, mir dieses genauer anzusehen. Schauderhaft! Wäre ich vom Gesundheitsamt, hätte ich auf der Stelle ein Spezialkommando in Schutzanzügen bestellt und die Bude auf den Kopf gestellt... 
Neben all dem unschönen gab es allerdings auch etwas Amüsantes: die Leuchtreklame.



"Flat 99 - Nur Zuhause ist es günstiger!"

Und sauberer - mit Sicherheit. 

Mittwoch, 19. März 2014

10 Minuten

Manche Kunden haben ja die Ruhe weg. Auch am Montagmorgen. WIR haben bestellt, UNSER Taxi steht schon vor der Tür und so haben WIR Zeit. ER wartet ja...

Ungewöhnlicherweise musste ich am Montagmorgen auf meinen ersten Auftrag knapp 1 Stunde warten. Die Kollegen von der "Frühschicht" (Beginn: 4.15 Uhr) hatten offenbar schon alle Flughafen- und Hauptbahnhof-Touren abgefahren. So fuhr ich um 5.50 Uhr vor die angegebene Adresse, wissend, daß die Kunden zum Flughafen wollten.
3 Minuten später ging ich vorsichtig zur Tür, um mich zu vergewissern, auch an der richtigen Adresse zu sein. Name passte, Hausnummer passte - aber niemand kam heraus. Es war zwar Licht im Haus und ich sah sogar, wie hinter einer Gardine die Betten gemacht wurden.
Aus dem Zimmer, welches ich für die Küche hielt, drang Kaffeetassengeklapper auf die Straße. Ich ging zum Auto zurück und wartete weiter.
Um 6.03 Uhr rief ich "Cleopatra" in der Zentrale an und fragte nochmals nach der bestellten Abholzeit. 6 Uhr war korrekt - und die Kollegin kam sofort in Fahrt...

  • "Hol´ die da raus! Du musst nachher pünktlich wieder zurück sein. Hier brennt dann die Hütte!" forderte sie mich in ihrer doch sehr direkten und nachdrücklichen Art auf..--)).
6.05 Uhr - ich klingelte. Das tue ich eigentlich um diese Zeit nie gerne, denn man weiß ja nicht, wer im Haus vielleicht noch schläft... Da gab es in der Vergangenheit schon mal richtig Ärger mit einem Kunden. Ein Mann öffnete, streckte den Kopf heraus und rief lächelnd:
  • "Jaaa.. Wir kommen gleich!"
"Gleich" ist ein dehnbarer Begriff. Es wurde 6.09 Uhr, als ich sie endlich die Auffahrt herunter kommen sah. Seelenruhig. Ohne Hektik. 
Wäre nicht ein Festpreis vereinbart gewesen, liefe das Taxameter längst. Aber so hätte ich mir erst Mal das O.k. aus der Zentrale für einen Aufschlag holen müssen und dafür blieb nun keine Zeit mehr. 
  • "Guten Moooorgäään.." kam es von beiden.
  • "Guten Morgen." kam es von mir etwas knapper. 
Als wir dann um 6.11 Uhr endlich auf der Strecke waren, machte ich ihnen klar, daß ich etwas in Eile war. 
  • "Sie wissen ja, Montagmorgen wollen alle irgendwo hin und meine Zeit drängt."
  • "Aaach, Sie wissen ja auch wie das so ist... Bis man die Koffer zu hat, die Kaffeetasse leer getrunken hat und, tja, dann MUSS man schließlich ja auch nochmal..."
Letzteres wollte ich nun gar nicht wissen und ich ging auch nicht darauf ein. Was mich mehr beschäftigte, war die Kombination aus 2 Gerüchen, die durch mein Auto zog: Parfum und Alkohol! Morgens um 6 Uhr?! Pervers. Die beiden hatten wohl noch ein oder zwei Gläßchen gekippt. Ich tippte auf "Kurze", also keinen Sekt. Widerlich! 

Entsprechend dem Pegel redeten die 2 auch Blödsinn. Er - ich gab ihm den Spitznamen "Saddam", wegen des Schnautzbartes und der Frisur - stellte irgendwelchen banalen Fragen zum Taxigeschäft und sie - ihren Mann an Masse bestimmt um das 1,5-fache übertreffend - äußerte sich ziemlich unkompetent über andere Autofahrer. 
Als wir einen 40-Tonner auf dem Ring 2 überholten, fragte sie nur:
  • "WARUM muß DER denn jetzt hier fahren? Was hat der denn hier zu suchen? Der hält doch nur andere auf."
Nun mußte ich auch mal was sagen.
  • "Keine Ahnung. Fragen können wir ihn ja nicht."
Sie brauchte 2 Sekunden, dann kam von hinten:
  • "Na, DAS war ja nun auch mal eine gute Bemerkung."
Ob sie es zynisch oder ernst gemeint hatte, konnte ich nicht heraus hören. Aber den Rest der Fahrt verbrachte sie schweigend...--)). 

Foto: hamburg-airport.de


Am Ende war ich es, der die Folgen ihres Trödelns und ihrer "Gelassenheit" ("..schließlich MUSS man ja mal..") ausbadete: zum nächsten Kunden kam ich 10 Minuten zu spät und durfte mich entschuldigen. Beim übernächsten Kunden waren es immerhin noch 8 Minuten und auch hier war eine kleine Entschuldigung fällig. 

Für die Zukunft werde ich mit "Cleopatra" absprechen, welchen Aufschlag ich für solche Fälle kassieren kann. 


Samstag, 15. März 2014

Cleopatra

Die erste Tour gestern Morgen hatte das Potential, mir die gute Laune, mit der ich immer morgens ins Taxi steige, zu verderben.
Es war 4.30 Uhr, als das ältere Paar ins Auto stieg und als Ziel den Flughafen angab. Er vorne, sie hinten. Wie immer.

Ich fuhr aus der Siedlung heraus und auf die Kreuzung zur Hauptstraße zu. Das Stop-Schild beachtete ich nicht weiter, denn ich hatte ein weites Sichtfeld, welches auch noch durch 2 Straßenlaternen beleuchtet wurde. Alles frei auf mindestens 100 Meter. Kurzes Verzögern, um die Ecke fahren, fertig.
Der Kunde neben mir nahm das zum Anlaß, für einen ersten Mecker-Anfall.

  • "Auch einer von den Burschen, die mir hier immer (!) die Vorfahrt nehmen und am Stop-Schild nicht anhalten...!"
Da hatte ich wohl einen dieser renitenten Rentner-Radfahrer neben mir, die meinen, nur wegen eines Schildes, welches ihnen ein Vorrecht einräumen, nicht mehr aufpassen zu müssen..??!! SIE haben ja RECHT! 
Ich hielt ihm die o.g. aktuelle Situation an der Kreuzung entgegen und erntete..Schweigen. Immerhin. Mein Puls beruhigte sich wieder. 

Kurz darauf kam die Frage, die ich seit gut 1 Woche mehrfach täglich höre:
  • "Sie sind wohl auch neu in der Firma?!"
Die Frage ist völlig verständlich und ich beantworte sie eigentlich immer in der gleichen freundlichen und höflichen Weise. Er aber wartete diese gar nicht ab, sondern fing gleich an, über Fahrer zu lamentieren, die ihn und seine Frau "..sonst immer.." fahren. 
  • "Meistens kommen da ja so türkisch Abstämmige..."
Somit kannte ich nach nicht einmal 2 Minuten schon seine Einstellung zu Autofahrern im Allgemeinen, seine Ressentiments gegenüber türkischen Kollegen im Speziellen und er hatte mir ein gutes Beispiel gebracht, daß er wohl noch nicht einmal seine EIGENE Sprache richtig beherrschte. Wo findet man denn im Duden den Begriff "Abstämmige"?

Nachdem er auf dem Weg zum Flughafen noch 2 oder 3 weitere Urteile über andere Verkehrsteilnehmer vor sich hin brummte, war ich ihn und seine schweigsame Frau nach ziemlich genau 25 Minuten los, wünschte noch einen guten Flug und versuchte, ihn möglichst schnell zu vergessen. 
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Ansonsten war die gesamte Woche sehr ruhig und ohne auffällige Kunden verlaufen. Es machte viel Spaß und auch an das frühe Aufstehen und das für mich inzwischen schon ungewohnte lange Arbeiten, hatte ich mich gewöhnt. Nachdem ich im Dezember meine vorherige Firma verlassen musste und ich seitdem entweder arbeitslos Zuhause oder nur stundenweise (als offiziell Nebenbeschäftigter) Taxi gefahren war, fiel mir die Umstellung auf ganze Schichten nicht ganz leicht. 
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Ein "Highlight" der Woche fand sich aber gar nicht unter den Kunden, sondern unter den Kollegen: unsere Tages-Funkerin. Mir war bereits am Samstag von ihr erzählt worden, aber als ich am Montag sie am Funk zum ersten Mal vernahm, war ich doch gespannt darauf, wie die Person hinter die energischen Stimme mit dem knappen Ton aussah. 
Unter einem Vorwand hielt ich an der Zentrale und ging hinein. Ich war überrascht! Denn meistens schließt man aus einer Stimme auf das Aussehen eines Menschen. Sprich: klingt z.B. die Frau am Funk nett, freundlich und irgendwie attraktiv, sollte man es im Allgemeinen dabei belassen, sie "nur" sprachlich zu kennen. Das zeigt meine Erfahrung. 

Folglich vermutete ich hinter der Stimme unserer Funkerin mit den o.g. Attributen einen richten "Besen", wie man in Bayern zu sagen pflegte. 
Weit gefehlt! Hinter dem Tisch in der Ecke des großen Raumes saß eine Frau Ende 40, rotblond mit halblangen Haaren, leuchtend blauen Augen die - sahen sie einen an - wirkten, als blicke man in 2 nebeneinander stehenden Leuchttürme! Ich hatte sofort einen Spitznamen für sie: Cleopatra - in rotblond!

Wir unterhielten uns kurz und sie schilderte mir, wie sie die Kollegin der Nachtschicht bei der Übergabe am Morgen "platt" gemacht habe, weil diese nicht vernünftig den Tag vorbereitet hatte! 

Ich konnte es mir bildlich und ohne Probleme vorstellen. Hier saß eine Schönheit mit eiserner Faust, die ihren "Laden" wie keine zweite im Griff hatte! Als ein Kollege herein kam und ein angedeutetes Kompliment zum Besten gab, zuckte sie noch nicht einmal mit dem Wimpern. 

Als würde man einem Eisberg mit einem Föhn zu Leibe rücken wollen...--)).

Ich ließ Cleopatra alleine und widmete mich lieber MEINER Arbeit. 


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Sonntag, 9. März 2014

Das Bohrloch

So schnell kann´s also gehen... Samstagmorgen, 5 Uhr und ich sitze in meinem neuen rollenden Arbeitsplatz in Glinde. Die kleine Stadt am Rande Hamburgs hat, insbesondere seit dem 2. Weltkrieg, eine bewegte Geschichte hinter sich (z.B. Flüchtlinge aus dem zerbombten Hamburg). Was aber viel wichtiger ist, sie kämpft seit 2011 gegen einen Bekleidungsladen der braunen Szene: Kein Laden für Nazis in Glinde!


Quelle: notonsberg.de


Mein erster Auftrag führte ich mich zur "Wunderbar", einer Kneipe im Ortsteil Wiesenfeld, wo ein gut angetrunkenes Päarchen auf mich wartete. Sie setzte sich nach hinten, er nach vorne. Alkoholgeruch breitete sich in meinem Auto aus, aber es war zu ertragen. Genau wie die Beiden. Die Zieladresse in benachbarten Neu-Schönningstedt war mir unbekannt (wusste gar nicht, daß ich doch nicht alle Strassen kenne..--)), aber sie führte mich mehr oder weniger sicher dort hin.
Am Ziel zückte ihr Freund ein Portemonnaie, dick gefüllt mit Geldscheinen, bezahlte großzügig und bedankte sich. Alles gut.
Kaum parkte ich wieder am Taxistand, klingelte mein Handy. Mein Chef. Ob ich ein Portemonnaie im Auto finden könne? Die Kunden von eben hatten angerufen und vermissten eben dieses.
Ich durchsuchte das Auto, fand aber nichts.

Kurze Zeit später klingelte es erneut. Ob ich nochmals nachsehen könne, es seien schließlich 2.000 € (!) darin gewesen! Wer, bitte, trägt in einer Nachtkneipe 2.000 € mit sich herum? Wie auch immer, auch die erneute Suche ergab nichts. Der Kunde musste sein Geld beim Aussteigen verloren haben, aber auch die persönliche Suche meines Chefs vor Ort brachte es nicht mehr zu Tage.
Vermutlich lag´s irgendwo im Haus und in seinem Suff fand der Kunde es nicht mehr. Ich konnte es nicht ändern, wunderte mich einfach nur noch über so viel Leichtsinn.

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Gegen 8.30 Uhr stieg ein älteres Paar ein, die zum Hauptbahnhof wollten. Gleich nach den ersten Metern entwickeltes sich ein Gespräch, welches vor allem um "mich" ging. Also eigentlich nicht um mich persönlich, sondern um meine Nationalität.

  • "Wissen Sie, ich habe mein Leben lang beruflich mit Ausländern, speziell mit Asylbewerbern, zu tun gehabt. Nichts liegt mir ferner als Ausländerfeindlichkeit. Aber ich freue mich trotzdem, endlich mal wieder mit einem Deutschen zu fahren! Die Gespräche mit ihren ausländischen Kollegen sind oft so mühsam." meinte die alte Dame. 
Das ist ein Problem, über das ich schon oft mit Kunden gesprochen habe. Schlimm ist nur, daß man sehr schnell in die rechte Ecke gestellt wird, wenn man sich so äußert. Aber die Kunden, die dieses tun, sind keine Rassisten oder braun gesinnte Zeitgenossen. Sie fühlen sich oft einfach nicht verstanden und vielleicht auch ein wenig fremd, wenn sie von Fahrern aus dem arabischen Raum, aus Afrika oder sonst woher gefahren werden.... 
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Der Knüller des Tages kam im Jogginganzug direkt aus dem Reinbeker Krankenhaus. Hellblau glänzend, dürr, aber die Haare mit blonden Strähnchen verziert. Ein Mann Ende 50. Er tat sich sichtlich schwer, die richtige Sitzposition zu finden. Ich dachte erst, er hätte Schmerzen im Oberschenkel, aber dann klärte er mich auf.
  • "Ich bin am A...sch operiert worden und kann kaum sitzen"
Aha. Lecker. 
  • "Man hat mir eine Ziste aus dem Darm entfernt."
Interessant!
  • "Wissen Sie, heute Morgen musste ich mich duschen und die Krankenschwester hat mir soooo ein langes Ding aus dem Darm gezogen... Direkt aus dem "Bohrloch"!"
Zum Glück lag mein Frühstück doch schon ein paar Stunden zurück, sodaß es den Weg nach oben nicht mehr finden konnte. 

Ich lenkte das Gespräch auf ein anderes Thema, bevor er noch weiter ins Detail gehen konnte. 
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Mein Revier

Als Fan von Marius Müller-Westernhagen gefällt mir ein Lied von ihm besonders: "Wieder hier!". Zum einen, weil ich selbst aus der "Revier"-Ecke stamme (etwas westlich davon, aber die Mentalität ist fast identisch) und zum anderen, weil eine Textstelle meine beruflichen Veränderungen der letzten 48 Stunden besonders gut beschreibt:

"Ich bin wieder hier
in meinem Revier
war nie wirklich weg
hab mich nur versteckt.."

Während der letzten 4 Wochen arbeitete ich als Aushilfe in einem kleinen Taxi-Unternehmen nahe meines Wohnorts. Ein Traum. Nur 5 Minuten zur Arbeit, Pausen Zuhause verbracht, Überlandfahrten, kein Stress, keine Staus und verhältnismäßig gute Bezahlung. 

Bezahlung? Nun - sagen wir mal, dieses und noch ein paar andere Themen haben mich dazu bewogen, kurzfristig die Notbremse zu ziehen, um mich nach einem anderen Arbeitgeber umzusehen... Da das Thema zwischen mir und meiner - jetzt - ehemaligen Firma noch nicht durch ist und auch noch die Gefahr eines Rechtsstreits besteht, werde ich darauf nicht weiter eingehen. Denn alles was man sagt, kann auch gegen einen verwendet werden....

Kurzum, ein neuer Job musste her und was lag näher, als mich in an jemanden zu wenden, der vor gut 2 Jahren schon angeboten hatte, ihn jederzeit anrufen zu können, wenn ich es für nötig halte. Gesagt, getan, jedoch hatte derjenige seine Firma weiter verkauft und kurzzeitig sah ich meine Chancen sinken, aber dem war nicht so. Der neue Chef sagte mir noch im ersten Gespräch zu, mich einzustellen, wenn ich auch Interesse hätte. 
Noch auf dem Heimweg entschied ich mich dafür. Ein Schlußstrich unter das "alte" Kapitel mußte gemacht werden. Das Gespräch mit meiner Noch-Chefin war kurz, ich erhielt telefonisch die Freigabe, ohne Frist kündigen zu können. 

Und nun bin ich wieder in "meinem Revier": Hamburg´s Osten (Stadt Glinde) hat mich wieder. Die kleine Stadt grenzt an meine alte Wirkungsstätte Reinbek, wo ich fast 10 Jahren neben- und hauptberuflich Taxi gefahren bin. 

Gestern Morgen um 5 Uhr ging´s los: VW Touran, neueste Baureihe, (natürlich) Automatik, gepflegt, moderne Funkgeräte und eine freundliche Kollegin in der Zentrale. Der Start war positiv.

Quelle: Volkswagen.de


Und deshalb gilt:

"Ich bin wieder hier
in meinem Revier
war nie wirklich weg
hab mich nur versteckt..!"

Alles weitere dann im nächsten Beitrag.